Premiere

Happyend in einer skurrilen Puppenwelt

Gudula Zientek führt „Klein Zaches, genannt Zinnober“ im Regensburger Andreasstadel auf – und zieht das Publikum in den Sog.
Von Michael Scheiner, MZ

Von Michael Scheiner 11. April 2016 

Regensburg.60 Minuten, meint Puppenspielerin Gudula Zientek, würde das Stück „Klein Zaches, genannt Zinnober“ dauern. Das ist untertrieben: Die Premierenvorstellung im Akademiesalon des Andreasstadels ist erst nach gut 90 Minuten mit einem versöhnlichen Schlussbild zu Ende. Als die Zuschauer nach anhaltendem Applaus blinzelnd ins Freie treten, sind viele von ihnen noch gefangen von der fantastisch-skurrilen Welt des Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, besser bekannt unter seinem literarischen Kürzel E.T.A. Hofmann. Auf seinem Kunstmärchen, 1819 veröffentlicht, beruht Zienteks Puppenspiel. In einjähriger Arbeit hat es die Theaterintendantin von vorn bis hinten selbst in Szene gesetzt. Sie hat Kulissen und Puppen gebaut, Licht und Figuren entwickelt, Kostüme geschneidert und die Dialoge für alle Figuren eingeübt.

Der kleine hässliche Zaches, ein Wechselbalg, purzelt Fräulein von Rosenschön, einer Fee, vor die Füße. Sie erbarmt sich des kaum gehfähigen Zwergs, bürstet ihm die strubbligen Haare. Damit verleiht sie dem „dummen Alräunchen“, wie er später vom Studenten Balthasar beschimpft wird, Zauberkräfte. Mit diesen kann der nun als Zinnober auftretende selbstsüchtige Studiosus alle um sich herum beeinflussen. Auf diese Weise werden ihm die Verdienste anderer als die eigenen zugeschrieben. Seine eigenen Fehler und Defizite dagegen fallen anderen auf die Füße, sie geraten in Ungnade beim Fürsten.

So ergeht es auch Balthasar, der in Candida verliebt ist, und dem Referendarius Pulcher. Beide ahnen, dass mit dem üblen Kerl Zinnober etwas nicht stimmen kann, und suchen Doktor Prosper Alpanus auf. Der Arzt besitzt magische Kräfte, wie sich später herausstellt: Entsetzt muss Balthasars Freund Fabian alsbald feststellen, dass ihm in jedem Kleidungsstück die Arme bis zum Boden reichen. Derweil hat sich aus Zinnober, dem kleinen, bemitleidenswerten Geschöpf mit Struwwelkopf und hilflos krächzenden Lauten, ein aufgeblähtes, rot leuchtendes Wesen entwickelt, das vom Fürsten zum „Allerspeziellsten Spezialrat“ und später zum Minister ernannt wird.

Die Aufklärung prallt auf die Feenwelt

In die Wunderwelt aus transparenter Noppenfolie und Figuren mit übergroßen Händen wird man unweigerlich hineingezogen. Zu menschlich sind die Charaktere in ihrer Resignation, Wut, der entschiedenen Freundschaft und den Liebesränken. Zu fantastisch die skurrilen Wendungen der possenhaft zugespitzten Geschichte. Der Imperativ von Aufklärung und Wissenschaft prallt mit Feenwelt und Zauberei zusammen – ähnlich wie heutzutage bei Verschwörungstheorien aller Art.

Trotz der starken Reduktion von Hoffmanns satirisch-tollem Märchen „auf kaum mehr als das absolute Skelett“, wie es Zientek beschreibt, blüht mit den Bäumen, Häusern und Brunnen aus

Folie eine fantastische Welt auf. Für jede Figur findet die Regisseurin einen unterschiedlichen Tonfall. Notfalls hilft sie mit der Trillerpfeife nach, um Zinnobers gräßliches Katzengeschrei nachzuahmen. Manche Szenen überbrückt sie mit kurzen Beschreibungen im märchenhaften Duktus, bevor während eines zünftigen Zweikampfs zwischen Fee und Zauberer auf einmal wieder Hirschkäfer und Kolibiri durch den Raum zischen.


Schließlich wird der lächerliche Zauber gebrochen. Wie? Das erlebt man am besten selbst. Dann kann man vielleicht auch hören, wie einem der Stein vom Herzen plumpst, wenn im fidelen Schlussbild der romantische Balthasar nach vielen Prüfungen, Enttäuschungen und einer mutigen Tat doch noch die Tochter seines Professors Mosch Terpin, Candida, pochenden Herzens bekommt.




Ein Kunstwerk nicht nur für Kinder

„Johannchen und die Hexe“: Gudula Zienteks neues Stück für ihr Puppentheater „Pupille Schief“ ist ein bisschen gruslig – und saukomisch dazu.

Von Juan Martin Koch, MZ

Regensburg. „Kehr um, geh heim!“ Nach acht Uhr abends sollte kein Kind mehr draußen allein unterwegs sein. Denn da schnüffelt Frau Krud, die Wurstfabrikbesitzerin, herum. Frau Krud, die einen Sack auf dem Rücken trägt. Frau Krud, deren Lieblingsmahlzeit Kinder sind. Frau Krud, die eine Hexe ist. Doch die Kirchturmuhr warnt vergebens. Das kleine Johannchen hat sich von seiner Mutter nicht aufhalten lassen, schließlich ist dem Jungen sein Lieblingsspielzeug, eine sommergrüne Straßenbahn vom Fensterbrett herunter auf die Straße gefallen. Und wenn er bei seiner Suche nicht der sprechenden Blume mit ihren Zaubersamen begegnet wäre – wer weiß, wie die Sache mit Johannchen dann ausgegangen wäre…
Gudula Zientek ist es mit ihrem neuen Stück für ihr Puppentheater „Pupille Schief“ wieder gelungen, mit den Augen eines Kindes auf einen Märchenstoff zu schauen und ihn dann mit den Händen einer Künstlerin in ein kleines Kunstwerk zu verwandeln. Ausgehend von einem Volksmärchen aus dem Bergischen Land gibt sie kindlichen Sehnsüchten wie Johannchens Traumberuf Straßenbahnschaffner ebenso Gestalt wie versteckten Ängsten und deren Überwindung.
Der Handwerksstoff Autoschwamm, denn sie diesmal dazu gewählt hat, verleiht den Figuren eine wunderbare Plastizität und Lebendigkeit: der Mutter Himmelstoß, die in geblümter Kittelschürze die immer gleichen Würste aus Frau Kruds Fabrik kocht, dem pausbäckigen Rotschopf Johann und natürlich der Hexe, diesem blaugrünen, wulstigen Albtraum; hinter der großen Brille blitzen gemeine roten Augen hervor. Riesengroß ist sie außerdem, wenn die Szenerie blitzschnell von der Nahaufnahme der Himmelstoß-Wohnung in die Totale der Straßenszene wechselt, auf der ein nunmehr sehr kleines, verloren wirkendes Johannchen um sein Leben rennt.
Ein bisserl gruslig ist das schon, darf es im Märchen ja auch sein. Aber auch saukomisch, wenn etwa Frau Krud – nicht wissend, dass mittlerweile ein schmelzender Eisbrocken in ihrem Sack steckt – den Johann für die plötzliche Feuchtigkeit auf ihrem Rücken verantwortlich macht…
Für die wie stets im pupilleschiefen Theater im Andreasstadel fein dosierte Musik sorgt diesmal übrigens ein wild gewordener Milchaufschäumer, der in einem mit diversen Klangstäben bestückten Eimer seine melodiös scheppernden Runden dreht. Die Fantasie der Puppenmagierin Zientek scheint unerschöpflich.
20.03.2013